Aufwachen

Wenn es mir schlecht geht, bist du nicht mein erster Gedanke. Du bist nicht mehr in mir. Du hast dich ausgelebt, rausgelebt. Ich bin jetzt allein, stark genug. Ich denke nicht daran, dass du mir noch helfen kannst. Du wirst nicht mehr meine Rettung sein. Ich habe mir selbst geholfen. Wenn es mir schlecht geht, denke ich höchstens daran aufzugeben, das Leben zu nehmen und dann sogar nach anderen Lösungen zu suchen, weiter zu leben. Obwohl ich nicht mehr weiß wofür ich leben soll. Und das, wo es genügend Gründe gibt. Es sind genug Menschen da, die sagen, zu mir zu stehen, nicht weggehen und bei mir bleiben. Aber ich kann sie nicht mit all meinen Fehlern belasten, nicht jedes Mal am Boden zu ihnen kriechen und mich aus dem Dreck ziehen lassen. Kein Mensch hält das aus. Kein Mensch soll das ertragen. Irgendwann verschwinde ich, irgendwann hat das ein Ende. Ein Ende welches ich immer noch jeden Tag ersehne. Es ist noch ein weiter schwerer Weg, die Sonne am Horizont ertragen zu können und nicht mit diesen Worten aufzuwachen.

Wenn man mit Scheiße aufwacht, kann der Tag nur Scheiße sein. Zu viel im Kopf auf alter Last aufgebaut, als dass es neu wirken könnte. Gefangen in den Konstrukten verbrauchter Hilfe. Die Welt ist nicht mehr wie damals, das haben meine Gefühle nur noch nicht begriffen, deswegen tut es weh.

Ein weiteres Mal hast du dich in meine Träume geschlichen. Warst der Lehrer, der du immer gewesen bist. Es gab verschiedene Bilder, Textstellen, Artefakte, die wir interpretieren und mit der Liebe in Verbindung bringen sollten. Mein Blatt ließ ich leer, starrte darauf, fühlte wie mich die Krankheit umklammerte, die in meinem Kopf schrie. Ich spürte die Grenze und nahm meine Flucht deutlich wahr. Ich muss das hier nicht machen, dachte ich, ich kann entfliehen, brauche nur ein Wort zu sagen, wenn du fragst. Aber ich blieb stumm und kämpfte eine Stunde mit dieser Aufgabe ums Überleben. Und als du das leere Blatt eingesammelt hast, hast du mich mit Ignoranz gestraft, nichts gesagt, lässt mich außen vor, als existiere ich nicht einmal. Für mich ist Liebe nichts weiter als ein leeres Blatt Papier.

Dann stolpert die Szene. Ich bin mit Maru und Nadine auf einem Fest, sie verkaufen etwas und wollen dort sein. Dafür braucht Maru noch eine Bescheinigung und wir gehen in das Gebäude hinein. Da bist du wieder, telefonierst auf Französisch, mit Gott und der Welt. Und ich reiße meine Witze mit Maru, du hörst uns und schaust etwas verkehrt, gehst an uns vorbei und ich folge dir mit den Blicken. Später fahren wir mit dem Auto hinaus, dieser kleine blaue Chevrolet von Maru. Und da stehst du in der Mitte des Tores und ich schreie zu Maru, schneller, halt voll drauf zu und lache wie eine Irre, ehe mir dieser Fehler bewusst wird, diese Dummheit, die in meinem Kopf sitzt. Danach bin ich traurig, wütend und hasse mich.

Ein weiterer Sprung. Und wir sind in einem Laden. Ich gehe voran, schaue mich um, aber meine Gedanken sind noch woanders und hassen mich. Dann sehe ich einen Kunden, zwei Polizisten und dich. Anschließend fliegt mein Blick auf die Waffen der Polizisten. Dann wieder auf dich und ich kann nicht anders, weil dieses Leben so schmerzt, nehme ich mir die Pistole, stelle ich dämlich beim Entsichern und, erst beim dritten Mal, schaffe ich den Abzug zu drücken, die Kugel löst sich und Schmerz breitet sich in meinem Kopf aus. Der Körper fällt zu Boden, ich sehe noch alles, fühle mich frei, schwerelos. Bin noch da, du schaust zu mir herab, du bist nicht traurig, nicht entsetzt, es ist mehr… eine Erleichterung. Ich habe Angst, was Maru fühlt, wenn sie mich hier sieht. Tod. Dann wache ich auf, spüre noch den Schmerz in meinem Gaumen, da wo die Kugel Löcher gerissen hat. Und seufze.

Ich habe mich an den Schmerz erinnert, den Schmerz den du hinterlassen hast, als du mich das erste mal verlassen hast. Du bist wie Sand, der mir durch die Finger rutscht, unmöglich dich aufzuhalten, weil du längst frei bist und ich unfähig irgendwen festzuhalten. Dennoch ist dieses Gefühl  präsent, wie etwas das mir entgleiten könnt, allzu schnell. Immer der Gedanke, dass niemals genug Zeit für uns ist. Dass du zu schnell verschwinden könntest, wieder aus meinem Sichtfeld, aber nie aus meinem Kopf.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Klapperhorn

Du weisst nicht, was dich erwartet.

Irgendwas ist immer

In der Theorie sind Theorie und Praxis gleich. In der Praxis nicht.

buchstabenmagie.wordpress.com/

Magie ist, aus 26 Buchstaben Welten zu erschaffen

Ysardssons Welt

Science Fiction und Fantasy

Der verwunschene See

Im Märchenland

Neues aus Absurdistan

Ist es möglich, sehenden Auges die Absurditäten unserer Zeit wahrzunehmen, ohne daß einem der Mund überfließt?

Kayla McCurdy's Blog

Write the truth as you know it, as you feel it and as you learn from it.

Strange Trails

“The core of man's spirit comes from new experiences.” ― Jon Krakauer, Into the Wild

Deus Ex Teacup

Paperplanes are a way of communication, too.

%d Bloggern gefällt das: