altiron – vier Menschen

Eltern. Zwei Menschen finden sich, man glaubt an viel Liebe oder ein bisschen, zumindest glaubt man an irgendwas, das nicht so grausam ist. Und dann die Kinder. Aber zu welchen perfiden Preis? Wenn ich mit meinem Bruder erzähle, kommen die verstörten Geschichten zurück. Die Wahrheit und der Ursprung. Wenn ich darüber nachdenke, wenn ich mir wirklich die Mühe und den Schmerz antue, und darüber nachdenke, erkenne ich, warum ich so leide. Auch wenn ich aufgehört habe nach Schuld zu suchen oder sie irgendwem zuzuweisen, bleibt es nicht aus, wer für all die Zerstörung verantwortlich ist und sich beständig aus der Verantwortung zieht.

Sieh, ich dachte immer, meine Kindheit sei normal. Die Schläge, der Streit, die Vernachlässigung und die Ungerechtigkeit. Kein Kind weiß, wie es wirklich ist. Ich hab es manchmal wie durch ein Schlüsselloch gesehen, dass meine Cousine ganz anders aufgezogen wurde. Dass ich ihre Mutter wollte, nicht meine. Dass ich ihr Leben wollte, nicht meines.

Zwei Wochen nachdem wir auf die Welt kamen, hat Mutter uns zur Tante gesteckt und sie machte Party. Wir sind ein Produkt ihres ekligen Plans, unseren Vater an sie zu ketten. Keine Wunschkinder und auch nicht, wenns passiert, dann bin ich halt Schwanger, wie sie uns immer erzählt hat. Sondern reine Kalkül, einer anderen Frau und einem anderen Kind, den Vater zu nehmen. Diese Frau widert mich einfach so an. Trinkst du deshalb so viel, Mutter? Bist du deswegen so verwirrt und paranoid? Weißt du um all deine grausamen Taten, die eines Tages aufgedeckt werden? All deine nüchternen Geheimnisse, wenn der Alkohol nicht wirkt.

Der Herr Vater schweigt. Fällt ab in den Alkohol zusammen mit ihr oder wegen ihr. Seine Apathie verletzt mich. Dieses ewige Desinteresse das ihn umgibt, wie eine Rauchwolke die jeden erschlaffen lässt. Ist es das, was sie mit uns gemacht hat? Und warum tut verdammt noch mal niemand was?

Mein Bruder, warum lebst du noch dort? Ich sehe wie dein Körper sich Tag für Tag weigert. Wie dein Geist das aushält ist mir ein Rätsel. Du machst es besser als ich, bist resistenter. Für wie lange noch? Und was kann ich tun?

Rettet euch, bevor es zu spät ist. Oder ist es das längst?

Womit hat sie euch in der Hand und warum schlagt ihr die Hand nicht ab?

Bin ich deinetwegen so kaputt, Mutter? Habe ich das krankhafte und verzweifelte von dir geerbt? All die eifersüchtigen und neidvollen Gedanken, die mich zerfressen und das dunkle dieser Welt? Wenn ich dir sage, dass es mir schlecht geht, hörst du nicht einmal zu und deine Ratschläge, sind sehr zerstörerisch. Es ist kein Wunder, wenn sie sich von dir abwenden. Wann suchst du dir endlich Hilfe?

Erinnere dich, ich hatte so laut um Hilfe geschrien aber du hast es ignoriert, bis du es nicht mehr konntest. Wie viele Nächte hast du uns als Babys schreien lassen? Mein Bruder hat mir erzählt, dass es dir sogar egal war, als ich so weit weg im Schwarzwald in der Klinik lag und wenn ich mir da was antue, soll sich das Personal um mich kümmern. Da bist du fein raus, nicht wahr? Gibst einfach anderen deine Verantwortung ab. Solange es nicht um dich geht, ist dir alles andere egal. Selbst deine Kinder. Selbst dein Mann. Jeder und alles um dich herum. Nur du, das zählt, deswegen bist du so laut, damit dich alle hören.

Als ich im Koma lag. Als es dazu kam, warst du ganz ruhig, hat er mir gesagt. Du hast einfach meinen Bruder, der selbst noch ein Kind war, an meinem zuckenden Körper wachen lassen, während du den Krankenwagen riefst. Ganz entspannt. Er sagte mir, als die roten Männer kamen, dass ich nicht gehen wollte. Ich habe mich überall festgehalten, wollte nicht weg. Wollte nicht aufwachen. Im Krankenhaus, wie oft wart ihr wirklich dort? Ihr habt diese Verantwortung auch wieder abgegeben, an meine Freundin. Bleich, hat man mir erzählt, sie war kreidebleich und ist trotzdem jeden Tag viele Stunden bei meinem desolaten Körper geblieben, hat mir vorgelesen, mir Geschichten erzählt, sich bei den Schwestern beschwert und war da. Wo wart ihr? Wo ist eure Verantwortung?

Ich kenne viele solcher Geschichten. Viel mehr, als mir lieb ist. Und immer mehr wird mir bewusst, dass wir keine Bilderbuchfamilie sind, nicht einmal aus irgendeinem Buch gefallen, Sondern vollkommen defekt sind. Das ist nichts was den Begriff Familie verdient hätte. Deswegen vermisse ich sie so, die Familie…

Und manchmal, ja, manchmal habe ich einfach nur Durst.

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