Leichen

„Du weißt, dass es nur ein Traum ist, aber alles in dir, hängt noch in diesem Chaos fest. Das Gefühl hinterlässt Rückstände. Wie also, kann es nicht wahr sein?“

Wir liefen von dem Bus weg, der uns auf einem Hügel raus gelassen hatte. Es war Nacht und die Lichter sahen schön aus. Ich habe sie dir gezeigt. Doch diese Lichter kamen von künstlichen Lampen, die über den Hügel strahlten. Wir gingen über das Feld, trafen seltsame Gestalten, doch hatten keine Angst vor ihnen, wir wussten, sie gehörten zu dem Feld, pflegten es, bis der Morgen anbricht. Allmählich wurde es heller und wir sind an der Spitze des Hügels angekommen. Du hast gefragt wohin, und ich habe geradeaus gezeigt, auf einen schmalen Pfad, der durch ein großes Feld gemäht wurde. Ich habe gesagt, es wäre perfekt. Doch als wir näher kamen und die vielen Leichen von Kleinkindern vor unseren Füßen sahen, war es alles andere als Perfekt. Du wurdest immer leiser. Betreten sah ich zu Boden, sah das Blut und die blauen verwesten Körper dieser Kinder. Zwischen ihnen ihr Spielzeug von der Witterung zerfressen. Es mussten über 30 tote Kinderleichen gewesen sein. Mich störten die Toten nicht, in meinem Kopf dachte ich nur daran, wie du empfinden musst und wie dich dieser Anblick verstört. Im Nacken spürten wir, dass wir nicht mehr allein waren. Und eine dürre ausgemergelte Gestalt erschien. Eine Frau mit einem weizenfarbenen Kleid, auf denen dukelbraune Flecken waren. Ihre Haar eine Mischung aus Braun und Grau, das ihr lang und unordentlich vom Kopf stand. Eine runde Brille sitzt auf ihrer Nase und betonte so ihren bohrenden Blick. Wir wollten einfach an ihr vorbei, so tun als hätten wir die Leichen nicht gesehen. Nur Heim, ohne aufgehalten zu werden. Ich zog an ihr vorbei, durch einen kleinen Bogen, wie man ihn für das koordinierte wachsen von Rosenpflanzen verwendet. Der Boden wurde asphaltiert, hart und eine Mauer zog dunkle Schatten an diesen Ort, der von zwei Häuserblocks umgeben war. Wir wurden gestoppt. Ich sagte, wir wollen heim und haben nichts gesehen, wir schwören es. Ein kleiner Junge tauchte neben ihr auf. Seine Haare waren steinbraun und klebten im wirr an dem Schädel, sein Blick war blutunterlaufen und dunkle Augenringe untermalten das. In seiner Hand ein Brecheisen. Sie verlangte, dass ich ihr die billige Uhr an meinem Handgelenk gebe. Ich wollte erst nicht, es war wohl ein Erbstück, ich weiß es nicht. Aber dann war mir dein Leben wichtiger, als meines. Und der Junge, klopfte einmal aggressiv mit der Brechstange in seine Hände. Ich wollte nicht von ihr getroffen werden, hatte Angst vor dem Schmerz und fummelte an der Armbanduhr, die ich ihr gab. Aber sie ließen uns immer noch nicht frei. Wir redeten uns um Kopf und Kragen. Fragten sie, was hier passiert sei? Wie sie her kamen? Was sie taten? Aber es kamen keine Antworten nur seltsame Blicke. Ich sah mich um. Und entdeckte eine große verspiegelte Fensterscheibe, sah einen Schatten der auf uns blickte. Jemand saß da drin und konnte uns helfen. Ich schlich mich an dem Jungen vorbei und ging hinein. Ein kleiner Raum, der noch weiter in ein unbekanntes Innere führte und ein Mann dem ich heißer zu schrie dass er uns helfen müsse. Dass ich anrufen wollte. Er meinte, er habe die Diakonie bereits verständigt. Warum beruhigte mich das nicht? Ich wollte die Polizei, wollte über die Leichen sprechen, mich in Sicherheit wissen. Aber die gab es nicht. Ich sah mich um, kam näher. Er wollte es nicht. Ich sah, dass er Videospiele auf dem PC spielte, während im Hintergrund ein unbekanntes Programm lief. Er zerrte mich auf seinen Schoß, begann mich zu befummeln und mir gefiel es auf der einen Seite, auf der anderen überhaupt nicht, ich hatte zu viel Angst, zu viel im Kopf, Zeit die drängt und dich da draußen. Spielte jedoch mit, um hier raus zu kommen. Ich schob den Stuhl auf sechs rollenden Beinen durch den Raum, presste mich pendantisch an ihn, bis ans andere Ende wo ein großes Fenster offen stand und war von dem Anblick hingerissen. Eine leuchtende Großstadt erstreckte sich in voller Pracht, nach dem weiten Feld. Dann zog er mich weg, berührte mich weiterhin an intimen Stellen, als wir mit dem Stuhl ins innere des Raumes fuhren. Ich sah ein breites Bett. Bot ihm an mit mir zu schlafen, doch er hielt es für keine gute Idee, was er nicht deutlich sagte, aber mir signalisierte. Dann öffnete ich eine Tür. Nun gingen, wir, kaum noch berührend weiter, auch wenn ich seine Nähe bei mir spürte. Ein weiter Raum öffnete sich vor mir, die Wände waren mit roter Farbe beschrieben, ich konnte es nicht lesen. Aber ich fühlte mich unwohl. Als drohe eine unmittelbare Gefahr, die man nicht sehen konnte. Auf der rechten Seite waren milchglasfenster die ein wenig Licht brachten. Auf der linken Seite mehrere Duschen mit beigen Duschvorhängen. Ich ging in den Raum hinein und an der linken Seite bog ich ab, ging ein Gang tiefer in das Gebäude. Ich kam zu den Toiletten. Ein Schauer durchfuhr mich und ich wollte zurück, aber ich war auch neugierig und öffnete die vielen schweren Eisentüren. Zerkratzte Eisentüren, als hätte jemand mit den Fingernägeln an ihnen geschabt. Voller Verzweiflung. War das Blut oder nur Rost? Ich wurde weggezogen, schnell gingen wir zurück. Doch es war zu spät. Ein anderer fremder Mann, der mit dem anderen hier leben muss, stand vor uns und ihm gegenüber die zerloderte Frau, hinter im hatte der kleine aggressive Junge ein langes Jagdmesser herausgezogen. Die Frau schrie noch, dass er es nicht tun soll, doch da jagte er die Klinge bereits in den Nacken des großen Mannes, der darauf hin zusammenklappte. Ich nutzte diese Gelegenheit und rannte aus dem Gebäude, auf der Suche nach dir. Du warst ganz bleich, in dich gekehrt. Ich habe gesehen was der Ort mit dir getan hat und hatte Angst vor den Folgen. Ich schnappte mir deine Hand und trieb dich an, das wir gehen mussten. Du wolltest nicht, wolltest ihnen helfen, aber ich trieb dich an. Seitdem warst du nicht mehr die, die ich kannte. Als hätte ich etwas getan, dass dich immer, sehr weit von mir weggetrieben hätte.
Wenig später waren wir daheim. Ich war gerade einkaufen, als du mir schriebst, dass du noch etwas von der Apotheke bräuchtest. Und ich habe nur gedacht, nicht zum Freitag, weil ich wusste, das man lange anstehen würde, aber ein Gefühl in mir wollte dir unbedingt helfen. Also stellte ich mich an. Die Schlange ging bis auf die Verkaufsstraße hinaus. Doch ich wartete geduldig in ihr, spielte mit dem Handy und fragte, was du brauchst. Als ich beinahe an der Reihe war, stand vor mir ein Mann. Er erinnerte mich an das Geschehen dort bei den Kinderleichen. Er wollte ein Buch, etwas über Giftpflanzen oder Heilpflanzen und ihre Wirkung wissen. Drei Mitarbeiterinnen kümmerten sich um die Bestellungen und eine davon rief gerade laut genug aus, dass sie sich um fünf mit Tante I. treffen will. Ich wurde hellhörig und war nervös ob des Mannes vor mir. Als ich über die Theke meine Tante sah und ich in Tränen ausbrechen wollte. Sie ging gerade fort, aber ich ging aus der langen Warteschlange, lief ihr nach und rief ihren Namen nur um sie dann heulend zu umarmen. Denn die traumatischen Erlebnisse hingen noch an mir, aber ich konnte niemandem etwas davon sagen, deswegen sah sie mich sorgenvoll und überrascht an, weil ich sie in so eine feste Umarmung nahm. Hatte ich angst um unserer Leben? Angst, diese schönen Menschen nicht mehr zu sehen, Angst ihnen nie mehr begegnen zu können? Wir verabschiedeten uns und du schriebst, dass du Kopfschmerztabletten brauchst, damit du die Nacht durchspielen kannst. Also stellte ich mich ans Ende der Schlange und wartete bis ich dran kam und dir helfen konnte.

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