Jemand anderes

Sein.

Zu spät, für all die Höhenflüge, das erzähl ich mir. Die Lügen verankern sich in meinem Kopf. Ich weiß, dass es Lügen sind, weil man auch sagt, dass das Leben weiter geht. Meines fühlt sich an wie eine Endlosschleife im Stop. Jemand hat die Pausetaste gedrückt und nie auf Play umgeschalten. Ich sehe die Dinge wie im Zeitraffer. Lange und intensiv. Ich bin verheddert in meinen mir selbst auferlegten Ketten aus Moral und Regeln. Zu steif und zugeknöpft das alles, zu viel Disziplin in den falschen Dingen. Versuche mich aus den Fesseln zu entwinden, doch sie drücken nur noch mehr gegen mich und halten mich flach. Du fließt, wie ein Fluss, habe ich das Gefühl. Ich muss mich wie Lava durch die Enge kämpfen und werde bald starr und tot. Wo ist sie hin, die Kraft, die mich nach oben treibt? Wo ist das alles hin, was mich mal am Leben hielt? Heut war nicht gut. Ein Berg an Zweifeln. Über alles. Ja, es betrifft auch dich. Bin ich beziehungsfähig, hältst du mich aus? Hältst du mich auf, wenn ich alles hinschmeißen will, um dem kurzweiligen Schmerz zu entfliehen? Es ist so kompliziert und wir machen es uns nicht einfach. Warum kann es nicht einfach sein? Ich will jemand anderes sein. Jemand  normales. Der Durchschnitt. Nicht dieses abgefuckte Wrack. Schlecht zusammengeklebte Scherben. Du hast das Pech mich in einem Abschnitt meines Lebens zu treffen, in dem nichts ganz ist. Ich bin besser, ich bin toller, gewiss, irgendwann war ich das mal, aber im Moment ist alles kaputt und zerstört und du bekommst Trümmerteile davon ab. Es ist nicht fair, wenn ich eine bessere Freundin sein will, als ich es schaffe. Nur Gejammer und der ständige Schrei in meinem Kopf. Wissend, dass nur ich etwas ändern kann. Habe mit Meditieren angefangen, manchmal klappt es, meistens nicht. Die Ruhe fehlt. Die Empathie. Die Sorglosigkeit. Leere. Es fehlt so vieles und ich strample auf der Stelle.

Die Fragen nach dem Sinn. Wofür lebe ich? Und die Gegenstimme, die mir sagt, wenn ich nicht für mich leben kann, dann doch für die Menschen in meinem Umfeld. Reicht das? Ich fühle mich trotzdem nicht wohl bei diesem Gedanken. Denn die Menschen um mich herum enttäusche und verletze ich.  Es ist nicht einfach mit mir. Ich bin vollkommen hinüber.

Der Traum bleibt. Das Gefühl nicht richtig wach zu sein. Nur zu wandeln, statt zu gehen. Wie ein Geist in leere Gesichter starren, die leer zurückstarren. Eine Horrorgeschichte, Tag für Tag. Von einer Pistole geträumt, aber nicht den Mut mich damit umzubringen. Schmerz herrscht vor.

__________

Und irgendwann kommt jemand anderes. Ein Vorzeigemensch. Eine die vielleicht interessanter ist, sich verkaufen kann. Geheimnisvoll umschwirrt sie dich  mit ihrem entzückenden Atem. Ihrem perfekten Körper. Alles so viel schöner, als man ertragen könnte und so viel verlockender, als man aushält. Ihre Worte ein Trichter. Sie fließen in dich hinein und stellen alle Antennen auf. Hast du Gänsehaut? Denkst du an sie? Dein Herzschlag verrät dich. Das Senden und Empfangen klappt reibungslos. Ein bisschen verrückt, aber so, dass es dir gefällt. Welterfahren und -offen. Abenteuer in ihrer präsentierten Brust. Sie zeigt Haut und sie ist mutig. Ihre lackierten Fingernägel, an denen die Farbe absplittert und die darauf warten in dein Fleisch zu graben. Lässig tanzt sie, spielt vielleicht sogar ein Instrument, dessen Töne dich betören. Ein Lied, nur für dich, sagt sie, flüstert sie, haucht es in dein Ohr. Hohe Absätze, Leder, rigoros kokett. Die Spitzen in ihrem Lächeln sprechen mit deinen Lippen. Ich sehe, wie sie all das verkörpert, was ich niemals sein kann. Wir Menschen werden manchmal sympathisch erzogen. Ich wurde wie ein Monster geboren. Mein Mund hängt hinab, mein Lachen ist fragil. Ich habe die Ausstrahlung einer Abrisskugel. Winter auf der Haut und im Herzen. Sie ist Frühling. Schenkt Hoffnung und Sehnsucht. Leidenschaft zwischen ihren Schenkeln und Verlangen lodert in ihrem Blick. – Das ist doch das Problem, wenn es so viele Menschen gibt. Es gibt immer einen besseren, schöneren und vollkommenen. Und wir alle sind austauschbar. Ersetzbar. Ich bin die Schüssel mit dem Sprung. Irgendwann holt man sich eine Neue. Weil man sich an der alten zu oft geschnitten hat.

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