3. Dekade

Was mir fehlt ist die innere Ruhe. Zeit habe ich, aber ich nutze sie falsch. Mein Kopf muss immer abgelenkt sein, aus Angst, er könnte mir dunkle Szenarien vorspielen und ich würde verrückt werden und durchdrehen. Immer muss ich etwas lesen, hören, sehen und denken. Es gibt keinen Stillstand und an Mediation ist erst gar nicht zu denken. Die letzten Male als ich das versucht habe, bin ich in Tränen ausgebrochen. Wie also soll ich mir Zeit nehmen und ein paar Minuten Gedanken darüber machen was in einem Jahr alles passiert ist oder passieren kann? Wie unmöglich die Wandlungen zwischen einem und dreihundertfünfundsechszig Tagen sein können. Zwischen den Momenten, in denen ich mich zwar ablenke, aber auch abdrifte, habe ich mir also Gedanken darüber gemacht.
Um mein Jahr entsprechend zu beenden und ein neues zu beginnen, habe ich Kerzen angezündet und ausgepustet und mir etwas gewünscht, ich habe krach gemacht, laute Musik gehört um die alten Geister (vor allem aus meinem Kopf) zu vertreiben. Ich habe nur Schönes gemacht, was mir gefällt und nun schreibe ich die Dinge auf, die innerhalb eines Lebensjahres passiert sind. Zumindest, jene an die ich mich erinnern kann.

Ich habe Freunde verloren, aber dafür mehrere Freunde gewonnen. Der Umzug der Elfe war nicht nur ein Gewinn für das Krankenhaus, sondern auch für mich. Dadurch habe ich viele neue und nette Menschen kennengelernt. Der erste Versuch mich mit einem anderen Mann anzufreunden ging daneben, es ist auch zu früh. Aber man lernt aus den Fehlern und geht die Sachen anders an. Im November und Dezember war nicht viel los, weil alles zu war. Dennoch empfand ich den Dezember als einen sehr guten Monat, es ging mir wieder besser und ich konnte Dinge anpacken. Im Januar ging es rasend schnell wieder bergab und ich krauche noch immer und versuche den Berg wieder hinauf zu klettern, mit mäßig Erfolg. Eine alte zerstrittene und besondere Freundschaft wurde zusammengeflickt und wiedergewonnen. Im Frühling ist meine Oma verstorben, die ein Loch in die Familie gerissen hat, dass sich zu einem riesigen Spalt ausbreitet. Es ist noch immer ein seltsames Gefühl. Ich bin wieder umgezogen, zurück zu den Wurzeln um mehr Gesellschaft zu haben und doch eigenständig zu bleiben. Grenzen zu ziehen und auch mal laut zu werden und nein sagen zu können. Im Frühjahr habe ich meinen Kater Ikarus im Tierheim gefunden und es war ein sehen und erkennen. Ich hatte unzählige Praktika, an denen ich gewachsen bin und Erfahrungen gesammelt habe, vor allem bei einer Anwältin. Im Sommer war ich im Urlaub und habe neue Städte erforscht und genossen. Habe Menschen getroffen, die ich zuvor nie gesehen habe und Menschen kennengelernt von denen ich überrascht wurde. Unzählige Bücher habe ich gelesen und unendlich viele Worte geschrieben und unzählige Geschichten erdacht und verworfen. Ein paar Bilder habe ich gemalt. Aus den sozialen Netzwerken habe ich mich zurückgezogen. Versucht ein Buch zu schreiben, aber es dann wieder sein gelassen. Die Geschichten machen mehr spaß, wenn man sie zusammen schreibt.

Jetzt bin ich in der 3. Dekade angekommen. Es wird sich ungewohnt anfühlen, die Zahl auszusprechen, aber noch seltsamer, sie auch wahrzunehmen. In mir fühlt es sich zwar oft steinalt an, aber eigentlich bin ich noch ein Kind. Ein Kind auf der Suche nach dem Sinn und Unsinn dieser Welt. Ich bin noch nicht gestorben, obwohl ich mir alle Mühe gegeben habe. Ich bin noch am Leben, meine Blutwerte sind perfekt und mein Körper intakt. Mein Kopf noch immer heller als so manche Leuchte der Gesellschaft. Ich bin nicht krank, gelähmt oder einsam. Ich führe ein gutes Leben, wenn man es von oben betrachtet. Nur mit den Gefühlen habe ich beständig zu kämpfen, es ist nicht einfach und all den sozialen Problemen die sich immer wieder auftürmen. Alles was ich sagen kann in diesem Moment ist: Ich bin noch nicht tot. Obwohl ich niemals gedacht habe, dass ich so alt werde und niemals älter sein wollte.

So Now by Charles Bukowski

in einer anderen Welt

Wenn ich mit der Elfe zusammen bin, wenn ich ihre Welt erlebe und wie leichtfüßig sie durch sie hindurch wandert, ist es, als würde ich einem Wunderwesen zusehen. Wenn ich dann noch bei ihren Eltern bin, wird mir klar, warum ein Mensch auch leicht und einfach sein kann und nicht so kaputt und dunkel wie ich ist. Ich werde umarmt, geliebt und wertgeschätzt. Man kommt mir mit Liebe entgegen und Respekt. Man drückt mich an sich, man spricht sanft zu mir und auf mich ein, interessiert sich für mich und was ich sage und hört zu. Einerseits ist das ein schöner Gedanke, ich weiß es zu schätzen, aber andererseits, wenn man aus einer Welt wie der meinen kommt, ist es auch ein mulmiges Gefühl. Weil man hinter jedem netten Satz die Krallen erwartet oder die fletschenden Zähne. Und wenn dann nichts kommt wird die Angst größer.

Die Elfe hat mich mit auf ein Konzert geführt, dass meine Ohren klingelten. Aber inmitten der Menschen und den Blick auf die Bühne, habe ich mich gefragt, was ich hier eigentlich mache? Warum bin ich hier? Habe meine Existenz angezweifelt und für einen kurzen Moment mit lebensmüden Gedanken gespielt. Mir war, als stürze eine Welt zusammen ohne dass ich weiß wieso. Nur, dass ich in diesem Moment wieder aufgeben wollte, weil ich mich so Fehl am Platz fühlte. Während alle trinken, rauchen, reden, tanzen und sich gut fühlen, baut sich in mir ein schwarzes Loch auf, dass mich in sich zieht und verschlingt.
Es war schön, ohne Frage. Vor allem mal wieder was anderes erlebt zu haben und die Musik zu spüren und zu hören. Die Sicherheit der Elfe um mich zu wissen. Doch diese Gedanken und Gefühle wühlen noch immer in mir und tauchen auf und bleiben.
Eine Freiheit wie sie die Elfe erlangt hat, werde ich wohl niemals erleben, weil meine Vergangenheit weniger liebevoll und stärkend war, als die der Elfe. Aber ich kann ihre Anwesenheit genießen und von ihr lernen oder einfach nur das Gefühl schätzen, dass ich Teil ihrer zauberhaften Welt sein darf.
Auf dem Rückweg ist sie einfach auf dem Seitenstraßen mit dem Auto stehen geblieben und tänzelnd ausgestiegen, auf der Straße gelaufen um den gelben großen Halbmond zu betrachten und einfach so am Straßenrand stehen zu bleiben für einen Augenblick um ihn in seiner Schönheit zu bewundern und darüber glücklich zu sein. Ich bin weit davon entfernt, aber für den Moment, hat es sich sehr nahe angefühlt.

Falsche Vorstellung

***Trigger Warnung***

Ich rate davon ab bei traumatischen Erfahrungen, Instabilität oder anderer aufwühlender Gedanken, diesen Text zu lesen.

Eine alte Geschichte. Der Beginn vom Ende. Der Anfang von Nichts. Auch das fällt mir leichter aufzuschreiben, weil ich so oft darüber gesprochen habe. Man bot mir sogar eine Anzeige an, Hilfe in dieser Sache, sogar Schutz, aber ich habe abgelehnt. Weil ich das nur noch vergessen will und es nicht schaffe. Es gibt Gesichter, die sehen wie seines aus und Menschen, die sind wie er und dann hält die Welt für einen Moment den Atem an, während mein Herz viel zu schnell rast.

All meine Texte vor 2017 handeln von einem Mann und einer Liebe. Von einem Gefühl, dass mich immer begleitet hat und dem Kampf, ihn zu vergessen, den ich immer verloren habe. Es handelt von einem Menschen, der mich seit der 8. Klasse gefesselt hat, weil er mir Aufmerksamkeit geschenkt hat, weil er sich um mich gekümmert und gesorgt hat. Weil ich auf diese lächerlich menschlichen Gefühle herein gefallen bin und mir niemand vorher und nachher dieses Gefühl gegeben hat. Als würde ich gesehen werden, erkannt und geschätzt. Ich, die von der Welt keine Ahnung hat, von der Grausamkeit der Menschen und ihren psychopathischen Spielen. Ich, die nicht gewusst hat, wie gut die Masken sitzen können, wie geübt die Worte sind und welche Macht ein Mensch auf einen anderen haben kann.

Der letzte Schultag, war wie der Ende meines Lebens. Ich hatte Angst vor diesem Tag, weil ich den Mann dann nicht mehr wieder sehen werde. Zu unserer Abschlussfeier, bat er mich um einen Tanz, aber da ich nicht tanzen kann, habe ich abgelehnt. So viele Jahre habe ich mir Vorwürfe gemacht und so viele Bilder eskalieren in meinem Kopf, so viele Vorstellungen die alle einmal Worte gewesen sind und nie Wirklichkeit. Ich dachte hin und wieder, dass ich die Zeit überwunden hätte, dann kam ein Traum, ein Geruch oder eine Erinnerung und alles war wieder da. Ich habe diesen Mann mit meinem ganzen Herzen geliebt oder zumindest die Vorstellung von diesem Mann.


2017 hatten wir Klassentreffen. Ganz eifrig habe ich zusammen mit einem anderen Klassenkameraden alles organisiert. Und dann, dann endlich war der Tag. Meine Haare frisch gefärbt in dem frechen Kupferrot. Ich hatte meine Lieblingsbluse in dunklem Türkis an, eine schwarze Hose und sogar Make-Up aufgelegt und Nagellack drauf. Als hätte ich mich nur für ihn schön gemacht. In dem ersten Lokal hat er mich keines Blickes gewürdigt und ich habe begonnen zu trinken. Alles was die Runde gemacht hat, habe ich inhaliert. Dann sind wir weiter, weil ich keine Ahnung von diesen Dingen habe. Erst wollten wir in die eine Kneipe, aber die war schon voll. Auf dem Weg dorthin, habe ich ihn gefragt, warum er nie auf meine E-Mail geantwortet hat. In jener, in der ich ihm das erste Mal meine wahren Gefühle mitgeteilt habe, in der ich aber auch gesagt habe, dass ich diese Gefühle zurück gebe, damit ich mit meinem Freund zusammen sein kann. Aber so leicht, gibt man seine Gefühle nicht ab. Etwas veränderte sich in seinem Blick, er legt seine Hände auf meine Schultern und beugt sich zu mir hinab. „Was hätte ich denn darauf antworten sollen?“, hat er gesagt. Seit dem Moment, wich er mir nicht von der Seite. Wir saßen uns in der nächsten Bar gegenüber und er hat nur noch mit mir geredet. Ein schöner Traum der wahr wurde. Alle Aufmerksamkeit auf mich. Für mich. Von ihm. Zwischen all den betrunkenen Fetzen weiß ich noch, wie er bewundernd gefragt hat woher ich Eva Strittmatter kenne, weil das gar nicht mein Jahrgang ist, ich aber ihre Gedichte liebe. Dann hat er gefragt, wo ich dann hingehe, wenn das alles hier vorbei ist und ich habe gesagt, dass weiß ich noch nicht. Das ist der Moment in dem alles gekippt ist und ich gespürt habe, dass ich die Zeit austricksen kann. Dass ich mir holen kann, was mir gehört, aber das ich nicht damit gerechnet habe, was wirklich kommt. Er hat mich zu sich in die Pension eingeladen, ist aufgestanden und wir haben uns verabschiedet. Ich von meinem Bruder, der mich nicht gefragt hat und nichts gedacht hat. Nur ich, ich habe am nächsten Tag und die nächsten Jahre nur daran gedacht und mich gefragt, warum er mich nicht aufgehalten hat mit dem Teufel zu gehen.


Er zieht mich in eine Ecke von dem geschlossenen Kaufhaus und nimmt mich in die Arme, ich beginne zu weinen, weil ich es nicht glauben kann, das das wirklich passiert und ich betrunken bin und voller Gefühle. Wild und ungezähmt und berauschend. Wir gehen dann weiter und ich frage wie weit es noch ist. Dann sind wir da und er legt mich aufs Bett, fragt ein paar Mal ob er mich anfassen darf, ob er mich berühren darf und ich sage nein. Nein, das möchte ich nicht. Dann muss ich mich übergeben und er zieht mich aus, stellt mich unter die Dusche, dann steht er hinter mir, nackt und ich spüre etwas in meiner Hand, dass ich nicht fühlen wollte. Ich lande nackt im Bett und er dringt in mir ein, ohne dass ich mich wehren könnte. Irgendwann während er gekommen ist und sich noch mal duscht, greife ich nach dem Wort, das ich verloren habe: Seele. Ich habe meine Seele in diesem Moment verloren, genau so hat es sich angefühlt. Ich schreibe noch irgendwas betrunkenes an den einen Mensch, der mir noch etwas bedeutet hat. Dann schlafe ich ein und wache wieder auf. Es ist kein Glücksgefühl in mir. Nur Leere. Beklemmung und Angst. Wir frühstücken zusammen und er redet über meine Mutter und das er sie komisch findet, macht Witze über sie, die ich nicht witzig finde. Fährt mich zu meinem Freund, den ich die Nacht habe allein und im unklaren gelassen habe. Er fragt ob er mich küssen darf und ich sage nein. „Dabei würde ich deine Lippen so gern schmecken.“ Hat er noch hinzugefügt und ich habe schwach gelächelt, bin wankend ausgestiegen und zu meinem Freund. Ich habe ihm erzählt was passiert ist und habe geweint und weiß noch, dass ich an der Heizung hinunter gerutscht bin, weil mir so kalt war und ich so schwach war. Er ist gegangen und hat mich allein gelassen in seiner Wohnung.

Nach diesen Geschehnissen wollte er noch mit mir perverse Nachrichten auf dem Handy austauschen. Hat mir Bilder und Videos von sich geschickt und wie er sich selbst befriedigt. Ich habe im ersten Moment nach jedem bleibenden Strohhalm gegriffen. Weil ich es nie anders gelernt hatte und noch immer die Hoffnung hegte, dass ich die Liebe bekomme, die ich mir gewünscht habe. Das ich Zuneigung, Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit bekomme. Dass ich gesehen und gehört werde. Aber ich habe mich getäuscht. Ich war ein Objekt. Ein Objekt der Begierde. Nach dieser Erkenntnis habe ich ihm geschrieben, dass ich das nicht mehr möchte und dass er über das nachdenken soll, was er getan hat. Er hat mich verurteilt und gemeint, dass ich kein Opfer wäre. Er hat geschrieben, ich bin nicht das Opfer. Aber er hat sich nie entschuldigt und sich auch bis heute nicht mehr gemeldet.

Er hat mir gesagt, dass er das nicht zum ersten Mal getan hat. Er hat in seinem Judoverein einst eine Schülerin in der Umkleidekabine gevögelt.

Hätte ich doch etwas tun sollen? Warum bin ich so schwach und unbrauchbar? So leicht zu fangen und so einfach zu brechen.

A Soulmate Who Wasnt Meant to Be

***Trigger-Warnung***

Dieser Text fiel mir noch einfach, im Vergleich zu anderen Dingen, die in meinem Leben passiert sind. Über das könnte ich reden, wenn ich stabil und in guter Verfassung bin. Es gibt aber vieles, über das es schwer fällt zu reden oder sich zu öffnen.

Dennoch sei gewarnt, dass das kein einfacher Tobak ist und wenn man nicht unbedingt getriggert oder aufgewühlt werden möchte, sollte man nicht weiter lesen.

Nachdem mein Leben den Bach runter gegangen (2017) ist und der Mann, den ich über alles auf der Welt vergöttert und geliebt habe, etwas unvorstellbares getan hat, dass alles veränderte und mich zerriss. War ich am Ende. Wenn man auf mein Leben blickt, ist das die Kluft, der Riss, die eine Stelle, die einen Unterschied ausmacht. Das Ende meines Lebens, wie ich es bisher kannte. Ich war am Ende. Kaputt und mir war egal was mit mir geschehen sollte, was andere mit mir machen oder gemacht haben. Ich wollte mich nur noch mehr zerstören. Ich wollte das, was ohnehin kaputt gegangen ist, noch kaputter machen. Alles nur nicht mehr diese Leere spüren, die in mir klaffte wie ein hohles Loch, eine offene unsichtbare Wunde.

Also habe ich begonnen zu viel zu trinken, mich aufzuschneiden, Tabletten zu nehmen und jeden Mann der sich mir anbot auch an mich ran gelassen. Auf so viele verschiedene Weisen. Und das obwohl ich noch in einer Beziehung mit dem wohl nettesten Menschen der Welt war. Mit einem Menschen, der alles für mich getan hätte, der mich noch heute aufrichtig und bedingungslos liebt. Ich habe ihm sehr wehgetan, so viele Male. Ich habe mit anderen Männern geschlafen. Ich habe zugelassen, dass sie mich ausnutzen und anfassen, selbst gegen meinen Willen.

Im Oktober hat sich dann ein Mensch an mir vergriffen, von dem ich glaubte, er wäre mein Seelenverwandter. Wie leicht ich zu täuschen bin und die Wahrheit nicht sehen will. Kennengelernt oder getroffen habe ich ihn 2011, als ich ein freiwillig soziales Jahr gemacht habe. Wir sollten zwei Wochen auf Kinder aufpassen, stattdessen haben wir uns kennengelernt und es tat sich eine Verbindung auf. Ich habe ihn nie geliebt, es war etwas anderes, etwas tieferes, als wäre er mein seelischer Zwilling. Er hat mich auf eine kranke Weise geliebt. Er hat Tagebuch geführt und mit Blut meinen Namen hinein geschrieben. Er hat sich selbst verletzt und ist die Nacht wach geblieben. Er ist mir hinter her gerannt wie ein Hund und ich hätte ihm jeden unmöglichen Befehl geben können – er hätte ihn ohne zu zögern ausgeführt. Bis zu dem Moment, als er eine damalige Freundin von mir getroffen hat und mit ihr zusammen kam und sie heute sogar ein gemeinsames Kind haben. Zuerst habe ich bemerkt, wie er mir an an den Hintern fasst. Er hat es immer etwas verschleiert und heimlich getan, aber ich habe es dennoch gemerkt. Auch da war es schon unangenehm und ich wollte nicht mehr in seiner Nähe sein. Obwohl da dieser Zwiestreit in meiner Brust ist, dass er mein Seelenverwandter ist, das wir doch eine Verbindung haben. Doch ich konnte die Wahrheit nicht sehen.

Erst als ich betrunken in meiner Wohnung war und er mir erst an die Brust und dann in zwischen die Beine griff. Ich noch mehr getrunken habe, um das zu vergessen. Ich habe mich gewehrt, aber er hatte mehr Kraft und irgendwann kann man sich nicht mehr wehren und ich konnte nicht einmal schreien, weil ich betrunken und dumm, zerstört und erschrocken war. Sind das ausreden?

An der Tür, als er ging, hat er mich noch einmal angesehen, aber ich konnte ihn nicht mehr ansehen. Er hat ganz sanft gesagt. „Du wolltest es, richtig? Und sag es nicht deinem Bruder, du weißt ja, wir sind Freunde.“ Seine Stimme hatte eine Spur von Zittern, als wäre er sich bewusst gewesen, dass er etwas Falsches getan hat. Ich konnte nichts sagen, ich habe genickt, ich wollte ihn los werden. Und doch kam er noch ein paar Mal und dabei blieb es nicht nur bei den Berührungen. Er sagte und flüsterte mir ins Ohr, dass ich eine Verführung sei, eine Begierde – ja, ein Objekt ohne Seele in seinen Augen. Dann kam ich mit dem Komplizen zusammen und habe weitere Treffen vermieden, obgleich ich mir einen schöneren Start für diese Beziehung gewünscht hätte, als das Ende von meinem Alptraum, das mit diesem beginnt.

Das letzte Mal hat er mich vor zwei Jahren besucht. Ich dachte Menschen können sich ändern. Ich dachte, er hätte kein Verlangen mehr nach mir oder würde seine Fehler nicht wiederholen. Nur einen Film schauen, ein bisschen reden, zusammen frühstücken. Doch dann greift er mir wieder an die Brust, ich reiße die Hand raus und sage laut Nein! Er wimmert, jammert und zeigt Mitleid, aber nicht mit mir. Bettelt, dass er nur mal kurz anfassen will und ich schüttele den Kopf. Ich weiß nicht mehr was danach passiert ist. Manche Dinge löschen sich aus meinem Kopf. Aber ich weiß, dass als er mir das nächste Mal geschrieben hat, wann wir uns wieder sehen, ich ihm geschrieben habe, dass ich ihn nie mehr wieder sehen will, weil das was er getan hat zu weit ging. Seit dem, habe ich ihn nur einmal auf dem Fahrrad an mir vorbei ziehen sehen, bin zusammen gebrochen und konnte nicht mehr weiter gehen, weil ich die Zeit bedaure, die mir meinen Seelenverwandten weggenommen hat.

Splitterfasernackt

Nun weiß ich, warum die Autorin das Buch – ihre Autobiografie – so benannt hat. Sie hat Mut und Chaos vereint. Sie hat ihr Leben wie auf einen Teller all ihren Lesern serviert. Manche haben sie zerpflückt, andere verehrt und manche durften von diesem Wahnsinn kosten. Ich beneide sie ein bisschen und doch mag ich kaum mit ihr tauschen. Denn was sie erfahren hat, ist schrecklich – ohne Zweifel. Aber wie sie damit umgeht ist stark, auch wenn sie oft schwach geworden ist und an sich selbst und der Welt der Gewalt zerbrach. In meinem Kopf türmte sich bei ihrem zweiten Buch sogar der Gedanke auf, selbst eine Biografie zu schreiben. Ein Buch nur über mich und mein kaputtes Leben. Aber ständig drängt in meinen Schädel, dass den Salat niemand lesen will und gleichzeitig auch, dass ich nicht den Mut hätte, all diese widerlichen Geheimnisse offen auszubreiten. Die Schrecklichkeit einer Achtjährigen, die Dinge erlebt hat, die man nicht erleben sollte und das ganze Leben danach zerstörten. Und wie soll ich meine Eltern darin gut dastehen lassen? Wie die Menschen, die mir Nahe sind, nicht in Rauch aufgehen lassen? Vielleicht ein Buch mit sieben Siegeln, die erst noch geknackt werden müssen. Vielleicht ein Buch, nur in meinem Kopf, um damit umzugehen. Ich bin ja nicht einmal bereit, in der Therapie über die Dinge der Vergangenheit offen zu sprechen. Ich schaffe es nicht einmal, mit irgendwem über die dunklen Flecken zu reden. Wieso sollte ich darüber ein Buch schreiben, das jeder lesen kann? Lilly Lindner, ist ein verrücktes Vorbild und ich beneide sie, aber ich wünsche ihr auch Glück, dass sie das bestehen wird und stark genug ist, zu ertragen, wo Menschen grausam sein können.

Vielleicht kann ich ein Buch in Etappen schreiben, eines, dass mit den weniger dunklen Flecken beginnt, die dennoch schwarz genug sind um in den Abgrund zu reißen. Aber ich widere mich selbst an und zerpflücke die Worte, die Buchstaben und Punkte, bis man nichts mehr erkennen kann. Trotz allem, verschlinge ich jeden Satz und jede Zeile von Lilly Lindner, weil sie meinen so ähnlich sind und weil sie so pur und gerade heraus geschrieben sind und mit viel Herzblut.
Auch wenn viele an mich glauben, habe ich den Glauben an mich längst verloren. Ich weiß nicht mehr, was mich wirklich auf den Beinen hält oder am Leben. Die meiste Zeit sitze ich da und beriesle meinen Geist mit Serien und Büchern. Ich mag es in meiner feinen Blase der Abgeschiedenheit. Wenn ich niemanden sehen muss, geht es mir besser, als das Haus zu verlassen. Die Menschen machen mir Angst und strengen mich an. Ich mag es, mich auf meinen teuren und weichen Sessel einfach zusammen zu rollen und einzuschlafen. Für eine Weile vergesse ich dann. Bis ich aufwache und alles ist noch wie zuvor.

der Löwe und das Lamm


Als Kind habe ich jeden Tag geweint. Ich habe ein Tagebuch darüber geführt, wie schlecht es mir ging und welche Ereignisse es gab. Mit kleinen Symbolen, wie Dreiecken, Kreisen, Vierecken oder Ausgedachtem. All das habe ich in ein kleines Kalenderbüchlein jeden Tag festgehalten, Tage an denen ich geweint habe, an denen es mir schlecht ging, an denen etwas passiert ist, an denen ich Kopfschmerzen hatte usw. Über die Zeit ist mir immer mehr eingefallen und alles wurde akribisch festgehalten. Die Bilanz unterm Strich sah erschreckend aus. Im Vergleich und Quadrat dazu, weine ich heute seltener, aber dafür umso verzweifelter. Wohin hat mich letztendlich mein Weg geführt? Er hat mir gezeigt, dass das Leben ausweglos ist. Das jeder Versuch dem Leben zu entrinnen, gestoppt und verboten wird. Das egal wie sehr ich leide, wimmere, weine, strample, kämpfe und dagegen angehe zwecklos ist. Es hört nicht auf. Ich bin dem ausgeliefert. Mir und meinen Gefühlen. Irgendwann verdränge und vergesse ich es für eine Weile. Aber ein unbedachter unbeschwerter Moment und das Glashaus zerbricht, bekommt Risse und wird zu spiegelnden Scherben auf denen ich gehe und mir die Haut blutig schneide.


Heute als ich den Löwen gesehen habe. Als er in meine Richtung gestarrt hat und mich der Blick, dieser blinde befleckte Blick in die Brust traf, habe ich mit den Tränen gekämpft. Denn es hat mich unvorbereitet getroffen. Ich habe geschluckt und mir gesagt, dass es besser wird, dass ich stark bin und vergehen wird. Aber tief in mir, tat alles weh und ich hätte mir am liebsten die Kehle aufgeschnitten. Es ist nicht fair und der Löwe ist schön und dunkel und so weit weg. Für ihn bin ich gleichgültig. Womöglich noch schlimmer. Ein Dorn im Auge, das Schwert, dass ihn von hinten angriff, das Gift, dass ihn verletzte. Die letzte Person, mit der man zu tun haben will. Und ich gehe zugrunde daran, nur wenn ich den Löwen sehe. Egal ob auf der anderen Straßenseite oder über dem Marktplatz gehend, egal ob Nahe oder Fern. Ich zittere und in mir tobt ein Sturm der mich beben lässt. Meine Kehle zugeschnürt und meine Augen feucht. Ich schlucke schwer und habe lange zu kämpfen. Auch in den Träumen verfolgt er mich bis tief in den Abgrund und öffnet weit sein Maul. Es ist ein Jahr her und es fühlt sich noch immer an, als wäre es gestern, wenn er so nahe ist. Wenn der Löwe auftaucht geht sein Brüllen durch mein Mark.

Lloyd Llewellyn – Long Way Down
Klapperhorn

Du weisst nicht, was dich erwartet.

Irgendwas ist immer

In der Theorie sind Theorie und Praxis gleich. In der Praxis nicht.

Ysardssons Welt

Science Fiction und Fantasy

Der verwunschene See

Im Märchenland

Neues aus Absurdistan

Ist es möglich, sehenden Auges die Absurditäten unserer Zeit wahrzunehmen, ohne daß einem der Mund überfließt?

Kayla McCurdy's Blog

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Strange Trails

“The core of man's spirit comes from new experiences.” ― Jon Krakauer, Into the Wild

Deus Ex Teacup

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