der Löwe und das Lamm


Als Kind habe ich jeden Tag geweint. Ich habe ein Tagebuch darüber geführt, wie schlecht es mir ging und welche Ereignisse es gab. Mit kleinen Symbolen, wie Dreiecken, Kreisen, Vierecken oder Ausgedachtem. All das habe ich in ein kleines Kalenderbüchlein jeden Tag festgehalten, Tage an denen ich geweint habe, an denen es mir schlecht ging, an denen etwas passiert ist, an denen ich Kopfschmerzen hatte usw. Über die Zeit ist mir immer mehr eingefallen und alles wurde akribisch festgehalten. Die Bilanz unterm Strich sah erschreckend aus. Im Vergleich und Quadrat dazu, weine ich heute seltener, aber dafür umso verzweifelter. Wohin hat mich letztendlich mein Weg geführt? Er hat mir gezeigt, dass das Leben ausweglos ist. Das jeder Versuch dem Leben zu entrinnen, gestoppt und verboten wird. Das egal wie sehr ich leide, wimmere, weine, strample, kämpfe und dagegen angehe zwecklos ist. Es hört nicht auf. Ich bin dem ausgeliefert. Mir und meinen Gefühlen. Irgendwann verdränge und vergesse ich es für eine Weile. Aber ein unbedachter unbeschwerter Moment und das Glashaus zerbricht, bekommt Risse und wird zu spiegelnden Scherben auf denen ich gehe und mir die Haut blutig schneide.


Heute als ich den Löwen gesehen habe. Als er in meine Richtung gestarrt hat und mich der Blick, dieser blinde befleckte Blick in die Brust traf, habe ich mit den Tränen gekämpft. Denn es hat mich unvorbereitet getroffen. Ich habe geschluckt und mir gesagt, dass es besser wird, dass ich stark bin und vergehen wird. Aber tief in mir, tat alles weh und ich hätte mir am liebsten die Kehle aufgeschnitten. Es ist nicht fair und der Löwe ist schön und dunkel und so weit weg. Für ihn bin ich gleichgültig. Womöglich noch schlimmer. Ein Dorn im Auge, das Schwert, dass ihn von hinten angriff, das Gift, dass ihn verletzte. Die letzte Person, mit der man zu tun haben will. Und ich gehe zugrunde daran, nur wenn ich den Löwen sehe. Egal ob auf der anderen Straßenseite oder über dem Marktplatz gehend, egal ob Nahe oder Fern. Ich zittere und in mir tobt ein Sturm der mich beben lässt. Meine Kehle zugeschnürt und meine Augen feucht. Ich schlucke schwer und habe lange zu kämpfen. Auch in den Träumen verfolgt er mich bis tief in den Abgrund und öffnet weit sein Maul. Es ist ein Jahr her und es fühlt sich noch immer an, als wäre es gestern, wenn er so nahe ist. Wenn der Löwe auftaucht geht sein Brüllen durch mein Mark.

Lloyd Llewellyn – Long Way Down
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