Alles zusammen ergibt mein Chaos im Kopf

Heute hielt ich ein Buch in der Hand mit dem Titel „Verbrenn mich danach“. Man soll seinen tiefsten Wahrheiten begegnen und keine verschlossene Tür oder dunklen Winkel in seinem Bewusstsein auslassen. Mit knallharter Wahrheit soll man diverse Fragen beantworten. Mir widerstrebt der Gedanke, dass so ein Buch so einfach zugänglich ist, mitunter für Laien, die nicht einmal eine offene Tür vor sich wahrnehmen können, geschweige denn, mit der eigenen Wahrheit klar kämen. Mir selbst fallen viele Wahrheiten über mich schwer. Dass ich noch ein Kind bin, dass ich mich oft kindlich verhalte und dass ich begehrt werden möchte. Die einfachen und simplen Wahrheiten, die gleichzeitig zutiefst menschlich sind und für die ich mich schäme. Können dann andere ihre Wahrheiten ertragen, wenn sie noch nicht einmal gegraben haben? Wenn die Tiefe mehr Schmerz als Heil birgt und wenn das wonach sie graben, nicht das ist, was sie erwarten?

Zurzeit denke ich auch viel über Kommunikation zwischen den Menschen nach und es ist so schwierig, dass es mir fast unmöglich scheint, jemals jemanden wirklich zu kennen. Man erlebt nur Bruchstücke, einzelne Punkte eines fremden Bewusstsein, das völlig anders ist. Gleich zweiter Planeten, die weder Mittel noch Fähigkeiten haben sich zu verstehen. Was sind da Worte, wenn sie mir fehlen? Was sind Worte, wenn sie sich ändern? Wenn ich etwas sage, ist es so widersprüchlich und wechselt so oft die Bedeutung. Ich habe nicht das Gefühl, dass mich jemand versteht, weil ich nicht das Gefühl habe, dass ich es richtig ausdrücken kann. Weder was ich fühle, noch was ich von der Welt halte. Es fehlt nicht nur an Worten, sondern an der Fähigkeit, dieses Gefühl zu übermitteln was ich damit zum Ausdruck verleihen will.
Mein Dilemma ist meine Unfähigkeit der Kommunikation und die damit verbundene Offenheit die mir fehlt. Ich lüge nicht, ich verschweige es auch nicht absichtlich. Schlichtweg fehlen mir oft die Worte oder der Mut, die Gelegenheit und der Zeitpunkt. Wie gern würde ich manchen Menschen, die mir begegnet sind so viel mehr sagen, aber selbst heute bin ich nicht dazu fähig.

Weißt du, wenn mir der Mut fehlt, wünsche ich mir einfach, dass du ihn hast, aber vor allem gehe ich ständig davon aus, dass du weißt, was in mir vorgeht, was ich mir wünsche und was ich erwarte. Aber ich lerne langsam, dass ich die Dinge auch laut aussprechen muss, damit sie gehört werden können.

Die Sache ist die, die Menschen sehen nicht mehr das Leid anderer Menschen, sie sehen nur noch sich selbst. Sie sehen ausschließlich sich selbst und fühlen sich bei jedem kleinen bisschen gleich angegriffen und verletzt ohne auf die Verletzlichkeit des Gegenübers zu achten. Sie hören bei jedem Wehklagen nur die Anklage und feuern zurück. Sie atmen nicht durch und denken nicht nach. Sie schauen weg und spucken zurück, statt ihren Atem für etwas Gutes einzusetzen was sich viel besser anfühlt, als die Wut und der Hass und die Respektlosigkeit mit der jeder um sich wirft. Und so mehrt sich die Wut und der Hass und die Respektlosigkeit, dass kaum noch ein Gesicht ein Lächeln kennt und die Worte immer scharfkantiger und verletzender werden. Dass niemand mehr warm spricht, jemandem hilft oder aufbaut, weil sie gar nicht mehr in der Lage sind zu erkennen, wenn jemand Hilfe braucht und nur deshalb auf diese Weise reagieren.

Die Tage denke ich oft über einige Dinge nach und ich wünschte vieles wäre anders gelaufen. Aber ich merke, dass selbst reden nichts bringt, weil ich nicht reden kann und die Worte des anderen ir wehtun. Die Meinung wird so hoch gewertet, das eigene ich überschätzt und die anderen ganz vergessen. Mir wurde so oft wehgetan und meine Bedürfnisse so oft übergangen, dass ich sie gar nicht mehr empfinden kann. Weil man sich selbst für so wichtig hält. Ich will niemanden verbiegen, ich will niemanden einschränken, ich habe immer nur nach Rücksichtnahme und Respekt verlangt. Aber was ich bekommen habe, war Schmerz, Leid und Trauer.

Was ich eigentlich sagen wollte ist… ich wünsche mir gerade wirklich jemanden, der mich an die Hand nimmt, sagt, dass alles gut wird, mich auf die Stirn küsst und hoffnungsvoll geradeaus blickt in eine Zukunft, die ich nicht so gottverlassen verbringen muss, sondern mit jemanden, der mich festhält, der mit mir geht, statt über mich hinweg, der mich versteht, ohne dass ich was sagen muss und der nicht zweifelt, sondern mutig ist und mir etwas von diesem Mut abgibt.

Ich vermisse dich.

Caroline – pushed down

Dunkelste Stunde

Wenn man vom Licht gekostet hat. Wenn man einmal glücklich war und weiß wie es ist, wenn es einfacher ist, leichter und man einen Hauch von Freude spüren konnte. Wenn alles mal nicht scheiße ist, sondern fast zu ertragen. An dem Punkt war ich und dieser Punkt ist vorbei. Jetzt wird es wieder dunkel. Alles was ich mir erarbeitet habe, kraft- und mühevoll aufgebaut wurde, wird mit einem Windstoß umgestoßen. Kann ich das System daran Schuld machen? All die Auflagen und Maßnahmen? Den Lockdown und die Quarantäne? Flockdown? – ich gebe mir die meiste Schuld. Ich habe nicht aufgepasst, ich war nachlässig mit mir und lag faul auf der Haut, weil ich immer weniger Kraft hatte durch meine Untätigkeit. All das zieht mir den Boden ein weiteres Mal unter den Füßen weg und meine Gedanken verdunkeln sich. Die Hoffnungslosigkeit kehrt zurück. Die Tage an denen es mir gut geht reduzieren sich und die an denen es einfach überhaupt nicht weiter geht mehren sich. Ich sehe die Zeit an mir vorbei ziehen. Ich lenke mich ab, aber ich setze mich nicht damit auseinander. Ratlosigkeit und Rastlosigkeit sind meine Gefährten, in dem Versuch irgendetwas zu unternehmen, wenn nichts gelingt. Ich laufe davor weg. Und ich kann mich nicht verstecken. Es kriecht in meine Träume und zwischen mein Bewusstsein, es lähmt mich wortwörtlich. Auch wenn viele mir sagen, wie toll und wertvoll ich bin, wie gut ich das mache und das ich Kämpfe bestritten habe, durch die kein Mensch gehen sollte, kommt nichts davon an mich heran. Ich fühle mich unzulänglich, verloren und oft mehr als verlassen.

an manchen Tagen

Alin Coen – entflammbar

Warum vermisse ich dich? Du hast es nicht mal verdient. Du hast nicht einen Blick, nicht einen Gedanken davon verdient. Und doch fällt es an manchen Tagen so schwer, wegzusehen und sich nicht zu sehnen. Ich habe dich für jemand anderen gehalten und du hast mich nie erkannt. Das Wort ‚cool‘ wie du mich ständig genannt und beschrieben hast stimmt nicht. Ich bin alles andere als ‚cool‘. Ich bin tiefgründig, nachdenklich, melancholisch, wahnsinnig, kreativ, freundlich, ein bisschen entrückt, verliebt, habe meine Stärken und Schwächen, aber ich bin nicht ‚cool‘. Auch wenn ich mich so gebe, hätte ich gerade von dir erwartet, dass du merkst, wie ich innerlich wanke und zittere, wie ich ständig an mir zweifle und welche Kämpfe ich in mir zu führen habe, welcher Zwist in mir tobt. Gerade von dir, habe ich so viel mehr erwartet, aber du hast mir nur eine weitere leere Wüste gezeigt in der ich mich verirrt habe und in der ich fast gestorben wäre. Du hast mir gezeigt, dass ich bei der Wahl meiner Gefährten, nicht in die nächste verlockende Falle stolpere, dass ich keinem mehr Vertrauen kann, dass ich jedes Wort hinterfrage und jede Geste nicht ernst zu nehmen ist. Ich hätte mir gewünscht, dass die Dinge alle etwas anders gekommen wären. Weniger abrupt und schmerzhaft, weniger verzweifelt und ein bisschen mehr hoffnungsvoller.

Es fällt mir immer noch schwer dich zu sehen. Es fällt mir schwer ohne Angst die Schule und den Betrieb zu besuchen. Überall kreuzen sich unsere Wege. Und ich zittere noch immer, nur bei dem bloßen Gedanken dir gegenüber zu stehen. Obwohl ich dich so gern schlagen würde, verletzen würde, für das was du mir angetan hast, bin ich wie das Reh im Scheinwerferlicht völlig erstarrt und kann mich nicht bewegen. Nicht davon weglaufen, nicht angreifen, einfach erstarren. Das ist erbärmlich und ich wünschte ich wäre stärker. Stärker als dieser Gedanke der mich beherrscht und stärker als du.

NF – Leave Me Alone

Bedürfnisse

Manchmal oder gar öfter werden sie einfach übergangen. Oft nicht einmal wahrgenommen oder mit Füßen getreten. Den eigenen oder fremden. Bedürfnisse bestimmen aber die Qualität unseres Lebens. Hinken wir bei einem hinterher, gibt es irgendwo Verstimmungen und schlechte Laune, manchmal sogar physische Schmerzen. Ich habe lange meine Bedürfnisse zurück geschraubt und nicht beachtet, sodass ich heute viele Schwierigkeiten habe sie rechtzeitig wahrzunehmen oder überhaupt zu wissen, welches Bedürfnis ich gerade habe. Ich weiß, dass alle Menschen gehört und geliebt werden möchten. Ich weiß mittlerweile auch ab und zu, was meine Bedürfnisse sind und ich möchte nicht mehr ungeliebt sein, mich verschmäht oder unerwünscht fühlen. Ich möchte nicht mehr diese niederschmetternden, selbstzerstörerischen und anschuldigenden Gedanken haben. Es braucht noch viel Kraft und Übung um wirklich gut auf mich zu achten und diejenigen zu meiden, die mir nicht gut tun und auch auf mich zu hören und dem Bedürfnis zu lauschen, dass sich da ankündigt und laut macht. Ich weiß, dass ich mich nicht mehr für irgendjemanden verlieren will. Ich möchte mich finden und behalten. Ich habe gelernt, dass erwachsene gesunde Beziehungen gleich welcher Art immer gleichwertige Bedürfnisse erfüllen. Du gibst mir etwas und ich gebe dir etwas das wir beide brauchen.

„Mich hat der Teufel an den Hörnern gepackt

Ich war nicht nur am Boden,

ich war tiefer gesackt

Ich war nicht deprimiert, ich war völlig schachmatt

Und trotzdem hab ich irgendwie weitergemacht“

LOT – weitergemacht

das kleine Glück

Hier und da treffe ich auf Menschen, die das Leben im Ganzen genießen können. Die es mit beiden Händen schöpfen und leben. Die sich nichts nehmen lassen, alles geben und alles erleben. Rücksichtslos und ohne Umschweife. Gewissenlos geradezu. Einerseits macht es mich neidisch und andererseits sehr traurig. Weil ich diese Freiheit nie spüren kann und immer zu viele Gedanken da sind. Weil nichts einfach ist. Ich kann nicht einfach raus gehen und all die Dinge erleben, die ich mir vorstelle. Meine Fantasie ist eher ein Gefängnis und eine Fessel, als das Messer, dass mich befreit. Weder habe ich den Mut noch das Selbstwertgefühl einfach in diese Welt zu springen und mir zu nehmen, was ich will. Ich bemerke ja nicht einmal mein eigenes Bedürfnis und zügle all meine Emotionen, weil ich Angst vor ihrer gewaltigen Kraft habe. Wie also kann ich einfach so in die Welt hinaustreten und leben? Angst ist ein großer Aspekt des ganzen. Mut ist sehr klein – auch wenn die Stimmen in meinem Kopf davon reden es einfach zu wagen, weiß mein Verstand was am Ende passiert. Noch mehr Verletzungen, noch mehr Scherben, vielleicht ein paar Erfahrungen, aber zu welchem Preis? Manchmal möchte ich nicht höher, weiter, schneller und mehr, sondern langsamer, achtsamer und einfacher. Keine Komplikationen aus falschen Gründen, keine weiteren Wunden, weil ich mich wieder überschlagen habe. Jeder Mensch ist anders, so sagt man doch, und ich bin nicht so wild und frei und ungestüm. Ich bin leise, intensiv und emotional. Kleinste Unebenheiten und Ereignisse können meine kleine Welt bereits ins Wanken bringen. Ich muss vorsichtiger sein und dennoch das Gleichgewicht finden um nicht in der Angst zu versinken oder mich einzumauern. Hin und wieder raus, ab und zu mal eine neue Erfahrung, aber mit bedacht und nicht auf biegen und brechen und mit Gewalt. Nur weil andere Menschen das können und tun, heißt es nicht, dass ich das auch muss oder sollte. Letztendlich sind wir alle unterschiedlich und das ist in Ordnung. Sei du selbst, denn alle anderen gibt es schon, heißt es doch schließlich.

Nicole Dollanganger – Cement

7. Schaltjahr

„In Schaltjahren sollten keine Häuser gebaut oder Ehen geschlossen werden. Kinder, die ihren Geburtstag nur alle vier Jahre feiern können, werden von Geistern heimgesucht. Denn Schaltjahre sind Katastrophenjahre – so lautet zumindest der Aberglaube.“


In diesem Jahr ist alles anders. Jeder wird mir beipflichten und doch meine ich nicht dieses Virus oder die Zustände die um die Welt kreisen. Meine innere Welt hat sich verändert. Am Anfang des Jahres war es so dunkel, als gäbe es kein Licht mehr. Zwei ernst zu nehmende Selbstmordversuche in diesem Jahr, Selbstverletzungen auf allen Ebenen und mindestens 3 Monate Krankenhausaufenthalt um zu verstehen, dass mir dort nicht mehr geholfen werden kann, weil ich es selbst in die Hand nehmen muss, statt anderen ihre Hand zu nehmen und mich führen zu lassen. In der Dunkelheit kann man kein Licht sehen und im Mai habe ich geglaubt in sicheren und schützenden Händen zu sein, jemand der an meiner Seite bleibt, länger als ein paar Monate, und ich habe mich gewehrt genauer hinzusehen aus Trotz und Stolz wollte ich nicht aufgeben, habe alles gegeben, hätte mein Leben gegeben bis ich es wieder mit zu vielen Tabletten übertrieben habe und einfach verlassen wurde in einer Zeit, in der ich einen Menschen an meiner Seite mehr als alles andere gebraucht hätte. Sie wollten dass ich weiter ins Krankenhaus gehe, weiter Therapie mache, weil sie nichts anderes kennen. Aber ich entschied mich für etwas Neues und habe das alles selbstständig geschafft und auf die Reihe bekommen. Im September bis November war ich innerlich fast so tot, dass ich nicht mehr wusste wie es weiter gehen soll. Ab November lichtete sich der finstre Himmel, der mich bis dahin begleitet hat. Ich sehe Sonne, ich fühle den Wind, ich spüre mein eigenes Licht, auch wenn es nur ein kleiner Splitter ist. Am Ende diesen Jahres erkenne ich, dass es mir nach sehr langer Zeit endlich wieder gut geht. Dass ich nicht mehr lügen muss, dass ich nichts ertragen muss, was ich nicht will und das ich ehrlich sagen kann: „Es geht mir gut.“
Ich habe Menschen verteufelt, verflucht und die geballte Wut wie den tiefsten Grund der Verzweiflung gespürt. Ich habe meinen Glauben und das Vertrauen verloren. Ein schwarzes und klaffendes Loch war in meiner Brust, das mir das größte Leid gezeigt hat, das ein Mensch empfinden kann, aber auch, dass ich dort nicht zurück möchte und mich davor bewahre. Ich habe gelernt sanft und geduldig los zu lassen, die Zeit zu meiner Verbündeten zu machen, statt gegen sie zu arbeiten. Es hat letztendlich alles seinen Grund und seine Bestimmung. Ebenso weiß ich, dass ich nicht wertlos bin und dass mein Licht scheinen wird, das manche es erkennen und manche eben nicht, aber ich niemanden etwas beweisen muss und nichts erzwingen kann. Das die Welt so seltsam gestrickt ist, es letztendlich aber nicht darauf ankommt andere zu beeindrucken oder sich zu vergleichen, sondern zu fühlen, das man gut ist und Gutes tun kann. Auch wenn man sich oft selbst daran erinnern muss oder es vergisst.
Trotz das ich noch wanke, hinfalle und kriechen muss, geht es weiter. Das ist es, was ich von Anfang an gelernt habe. Es geht immer weiter, egal wie und egal unter welchen Umständen. Langsam begreife ich, dass ich einen Teil davon selbst in der Hand habe, auch wenn es sich oft so anfühlt, als wären mir die Hände gebunden. Geduld und Hoffnung helfen mir weiter zu gehen und ein bisschen Aufregung und Neugierde ist auch dabei, das neue Jahr zu begrüßen. Egal wie es wird und auch wenn ein wenig Angst dabei ist: Es geht weiter.

Amarante – into the dark